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Person des Monats Oktober

Erich Kuttner

Publizist, Jurist und Politiker, in Berlin-Lichtenberg wurde eine Straße nach ihm benannt

(75. Todestag)

Erich Kuttner wurde am 27. Mai 1887 am Nollendorfplatz 9 in Schöneberg geboren. Gleich nach dem Abitur 1905 studierte er Rechtswissenschaften in Berlin und MĂŒnchen. Beeinflusst durch die Schriften von Ferdinand Lasalle und Karl Marx wurde aus Erich Kuttner ein sozial engagierter Akademiker. Er schloss sich der linksliberalen „Demokratischen Vereinigung“ von Theodor Barth, Rudolf Breitscheid und Hermann LĂŒdemann an. In dieser Zeit begann er fĂŒr mehrere linke Zeitungen zu schreiben. Politik, Gewerkschaften, Literatur und die Justiz waren die Themen, zu denen er sich in seinen Artikel Ă€ußerte. Bereits 1911 berichtete er ĂŒber Land- und Reichstagsdebatten, in denen er sich mit der Problematik der Klassenjustiz auseinandersetzte. „Klassenjustiz“ hieß auch seine erste BroschĂŒre, die 1913 veröffentlicht wurde.

Unter dieser vielfÀltigen journalistischen TÀtigkeit litt seine Arbeit beim Berliner Kammergericht, wo er seit November 1909 als Referendar angestellt war. Er musste sich entscheiden, ob er eine Karriere in der Justiz oder als Journalist anstreben sollte. Seine Entscheidung fiel letztlich gegen den Justizdienst. Auch sein soziales Engagement und seine Artikel, die er ab 1910 als SekretÀr des Bundes der technisch-industriellen Beamten (BUTIB) schrieb, gefÀhrdeten seine Anstellung bei der Justiz. Ein Auftritt gegen das Vorgehen der Berliner Polizei brachte ihm im Oktober 1910 einen ersten Verweis ein.

1912 trat Erich Kuttner von der „Demokratischen Vereinigung“ zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ĂŒber. Ein Jahr spĂ€ter ging er nach Chemnitz zur „Volksstimme“. Hier war er fĂŒr das lokalpolitische Ressort zustĂ€ndig. In Chemnitz heiratet er am 20. Mai 1915 Frieda Rankwitz. Im Oktober 1915 lag er im Lazarett, er musste wegen eines ĂŒberlasteten Knies operiert werden. Diese Zeit nutzte er um Artikel fĂŒr die „Volksstimme“ zu schreiben. Nach seinem Lazarettaufenthalt erlebte Erich Kuttner die Schlacht von Verdun. Eine erneute schwere Verwundung am Arm im April 1916 bedeutete seine Entlassung aus der Armee. 1916 erschien seine BroschĂŒre „Von dort marschierten sie“, in der er ĂŒber seine Erfahrungen an der Ostfront berichtete.

1921 wurde Erich Kuttner im Berliner Wahlkreis 2 in den Preußischen Landtag gewĂ€hlt. Hier war er an mehreren UntersuchungsausschĂŒssen beteiligt. Leidenschaftlich trat er fĂŒr eine bessere Vertretung der Arbeiterklasse in der Richterschaft ein.

Am 5. MĂ€rz 1933 wurde er von der SA verhaftet. Zwar kam er noch am gleichen Tag wieder frei, doch als Vorsichtsmaßnahme Ă€nderte er seinen Wohnsitz und zog nach Schöneberg. Es gibt Hinweise, dass Erich Kuttner ab Mai 1933 fĂŒr kurze Zeit in einem der frĂŒhen KZ`s, wahrscheinlich in Sonneburg bei Frankfurt/O inhaftiert war. Sicher ist, er wurde ein zweites Mal verhaftet. Am 10. Mai 1933 floh er zusammen mit seiner Frau in die Niederlande.

Den FlĂŒchtlingen in Holland war es verboten politisch tĂ€tig zu sein, ihnen drohte sonst die Abschiebung ĂŒber die deutsche Grenze. Trotzdem blieb Erich Kuttner politisch aktiv. Er gehörte zu den MitbegrĂŒndern der Amsterdamer Sektion der „RevolutionĂ€ren Sozialisten Deutschlands“, die eine Einheitsfront von Sozialdemokraten und Kommunisten schaffen wollten, um gemeinsam den Faschismus in Deutschland zu bekĂ€mpfen.

Von Mitte Dezember 1936 bis Ende Januar 1937 hielt sich Erich Kuttner in Spanien auf, wo er als Korrespondent der XI. Internationalen Brigaden tĂ€tig war. Als er nach Holland zurĂŒckkehrte erfuhr er, dass man ihn aus Deutschland ausgebĂŒrgert hatte. Er galt somit als staatenlose Person.

Am 10. Mai 1940 wurden die Niederlande von Deutschland ĂŒberfallen und innerhalb von vier Tagen zur Kapitulation gezwungen. Am 14. Mai wollte Erich Kuttner gemeinsam mit seiner Frau den Freitod wĂ€hlen, doch der Versuch, ihrem Leben ein Ende setzen, scheiterte. Nach diesen Ereignissen lehnte er es ab unterzutauchen. Er wurde 1942 in seiner Amsterdamer Wohnung verhaftet und als politischer Gefangener in das Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort gebracht. Von dort bracht man ihn in das Konzentrationslager Mauthausen. Hier soll er am 3. Oktober angekommen und am 6. Oktober auf der Flucht erschossen worden sein.

1962 erhielt eine Straße in Berlin-Lichtenberg den Namen Erich-Kuttner-Straße.

Publikationen von Erich Kuttner (Auswahl)

Klassenjustiz (Buchhandlung VorwÀrts Paul Singer GmbH) Berlin 1913.

Von dort marschierten sie
 Ein Kriegstagebuch. (Verlag von Landgraf & Co.) Chemnitz 1916.

Die KriegsbeschĂ€digten und der Staat (Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft) Berlin 1918.

Die deutsche Revolution. Des Volkes Sieg und Zukunft. (Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft) Berlin 1918.

Wie werden wir wieder reich? (Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft) Berlin 1919.

Philipp Scheidemann. Der Aufstieg eines deutschen Arbeiters. (Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft) Berlin 1919.

Der Sieg war zum Greifen nahe. Unwiderlegliche Zeugnisse gegen die LĂŒge vom Dolchstoss und vom Landesverrat der Sozialdemokratie (Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft) Berlin 1921.

Warum versagt die Justiz? (Verlag fĂŒr Sozialwissenschaft) Berlin 1921.

Die politischen Parteien in Deutschland, mit einem Anhang: Deutsche Parteienentwicklung seit 1848. Eine Kursusdisposition. (Gemeinsam mit Franz KlĂŒhns) (Zentralbildungsausschuß der SPD) Berlin 1924.

Pathologie des Rassenantisemitismus. Eine politisch-psychologische Studie (Philoverlag GmbH) Berlin 1930

(Pseudonym „Justinian“) Reichstagsbrand. Wer ist verurteilt? (Verlagsanstalt „Graphia“, Reihe „Probleme des Sozialismus“) Karlsbad 1934

Het Hongerjaar 1566 (Amsterdamsche Boek- en Courantmaatschappij) Amsterdam 1949

 

(Jörg Bock, im Auftrag des Museums Lichtenberg)

 

Quellen:

Bart de Cort: „Was ich will, soll Tat werden“ Erich Kuttner 1887 – 1942 Ein Leben fĂŒr Freiheit und Recht,  herausgegeben vom Bezirksamt Tempelhof von Berlin, Abteilung Volksbildung

Erich Kuttner auf Wikipedia - die freie EnzyklopÀdie (Stand 20.09.2017)

 

Foto:

Erich Kuttner, aus „Handbuch fĂŒr den Preußischen Landtag“, Mai 1933